Lauta. 1933 bis 1945

Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte am 30. Januar 1933 Adolf Hitler, den Vorsitzenden der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), zum Reichskanzler. Vizekanzler wurde Franz von Papen. Die Nationalsozialisten Wilhelm Frick und Hermann Göring wurden in das Kabinett berufen als Reichsminister des Innern bzw. Minister ohne Geschäftsbereich. Erforderlich geworden war die Bildung einer neuen Regierung nachdem die nationalkonservative Regierung unter Kurt von Schleicher am 3. Dezember 1932 zurückgetreten war.
Die Bildung der neuen Regierung wurde von einem sehr großen Teil der deutschen Bevölkerung begrüßt. Von den Nationalsozialisten mit einem Fackelzug durch das Brandenburger Tor, vorbei am Reichstag und bis vor die Reichskanzlei gefeiert. Zugleich demonstrierte sie mit dieser Aktion und ähnlichen Feiern in ganz Deutschland dem noch nicht mit den Nationalsozialisten gehenden bzw. sympathisierenden Teilen der deutschen Bevölkerung, wie die Machtverhältnisse im Reich künftig aussehen könnten.

Aber noch mussten die Spielregeln der Weimarer Republik beachtet werden. Am 1. Februar 1933 löste die von Hitler geführte Regierung den Reichstag auf und schrieb für den 5. März 1933 Neuwahlen aus. Als sich im Verlauf des Wahlkampfes abzeichnete, dass die NSDAP nicht zur allein herrschenden Partei werden könnte, wurde der Terror auf den Straßen und gegen Andersdenkende verschärft. Am 27. Februar 1933 brannte der Reichstag. Was eine neue Stufe der Verfolgung von Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftern, bürgerlichen Demokraten sowie anderer zwischen Linken und Rechten einzuordnenden politischen Kräften einleitete.

Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 wurde die NSDAP mit 43,9 Prozent stärkste politische Kraft. Die SPD kam auf 18,3 Prozent und die KPD auf 12,3. Ein konservatives Bündnis aus der katholischen Zentrumspartei und der katholischen Bayerischen Volkspartei erhielt 14 Prozent der Stimmen. Die restlichen Stimmen verteilten sich auf die extrem rechte Kampffront Schwarz-Weiß-Rot (8 Prozent) und mit jeweils rund 1 Prozent auf drei bürgerliche Parteien, die bis auf die kleine Deutsche Demokratische Partei später mit wehenden Fahnen in das nationalsozialistische Lager überliefen.
In der Provinz Brandenburg kam die NSDAP auf 52,58 Prozent, die SPD auf 20,40 und die KPD auf 10,70.

Die Schärfe der Auseinandersetzungen in Berlin und den anderen Großstädten des Deutschen Reiches spiegelte sich in Lautawerk in den Wochen nach dem 30. Januar 1933 so nicht wieder. Am 5. kamen SPD und KPD zusammen auf 60,81 Prozent der abgegebenen Stimmen. Die NSDAP erhielt 27,72 Prozent. Der Rest verteilte sich auf verschiedene bürgerliche Parteien.

Die Einwohner Lautawerks konnten sich den nach den Reichstagswahlen in ganz Deutschland ablaufenden Veränderungen nicht entziehen. Zunächst traten die bislang im Verborgenen mit den Nationalsozialisten sympathisierenden Einwohner Lautawerks offener hervor. Mitglieder der NSDAP, die ihre Mitgliedschaft geheim gehalten hatten, traten nun in Uniform auf. Soziale und wirtschaftliche Nachteile mussten sie wegen ihrer Gesinnung nun nicht mehr befürchten. Wer sich als Gegner der Nationalsozialisten sah, ließ sich das nicht anmerken. Es sei denn man hatte vorher in exponierter politischer Stellung für eine der antinationalsozialischen Parteien gearbeitet oder sich offen (auf Kundgebungen oder in Versammlungen bzw. in Schriften) für diese eingesetzt.

Die Einwohner Lautawerks waren, bis auf die von Lauta-Dorf, aus den verschiedensten Teilen Deutschlands gekommen. Im Vergleich zu ihren Herkunftsregionen ging es ihnen hier wirtschaftlich besser. Es gab Arbeit, aus den Baracken-Notunterkünften in Süd war man in moderne, helle Wohnungen mit Garten und Ställchen in Nord gezogen oder konnte sich in Süd ein Häuschen bauen. Das Werk und die Arbeit formten sie zu einer Gemeinschaft. Man musste sich auf der Arbeit aufeinander verlassen können und im privaten ordentlich miteinander umgehen, wollte man Konflikte von außen nicht in die Arbeitswelt hineintragen.
In einer Gewerkschaft zu sein, gehörte gewissermaßen dazu, oder in einem der verschiedenen Sport- bzw. Kulturvereine. Die SPD hatte in Brandenburg und im Kreis Calau das Sagen. Strebte man einen Posten im öffentlichen Dienst an, war es gut ihr Parteibuch zu besitzen. Gehörte man zur oberen Schicht der Hierarchie im Werk oder wollte in diese aufgenommen werden, war eine konservative politische und private Einstellung nicht verkehrt. Christen, ob Katholiken oder Protestanten, konnten sowohl sozialdemokratisch oder konservativ wählen.

Kein nationales Grüppchen oder Vereinchen, ja […] nicht einmal der im hiesigen Kreise stark vertretene Stahlhelm konnte hier Fuß fassen. Es hat zwar an Versuchen zu völkischer und nationaler Betätigung nicht gefehlt, jedoch handelte es sich immer um hoffnungslose Minderheiten, die sich zum Teil noch neutral tarnten. Sonst gab es weit und breit nur Marxisten aller Schattierungen und den bürgerlichen Brei der Mitte.1Belli, Peter Josef: Das Lautawerk der Vereinigte Aluminium-Werke AG (VAW) von 1917 bis 1948…, Berlin 2012, S. 195

Die Klage des Vorsitzenden der NSDAP-Ortsgruppe Lautawerk, Schuster, aus dem Jahr 1941 beschreibt die Situation im Jahr 1933 sehr gut. Dennoch ist das Tempo erstaunlich, mit dem sich die Einwohner Lautawerks von der demokratischen Weimarer Republik ab- und dem autoritären neuen nationalsozialistischen Staat zuwandten. Bereits am 1. Mai 1933 waren die Häuser in den Hauptstraßen mit Hakenkreuzfahnen beflaggt, hatte die Zahl der Männer mit NSDAP-Parteiabzeichen am Revers auffällig zugenommen.

1. Mai 1933 in der Weber-Urban-Allee (heute Straße der Freundschaft). In einem früheren Bildtext heißt es, dass es sich bei den Marschierenden um die “NSDAP-Ortsgruppe und SA-Leute” handle. Das ist bei einer allgemeinen Betrachtung des Fotos anzuzweifeln.

Präsent war die NSDAP in Lautawerk schon seit 1926. Bei einer Wahl in diesem Jahr soll sie drei Stimmen erhalten haben. 1928 Unternahmen Schuster und ein Herr Neumann den ersten Versuch der Gründung einer Ortsgruppe der NSDAP. Auf die von ihnen versandten 32 Einladungen kamen zwei Personen in das Versammlungslokal.
Bei der Reichstagswahl am 20. Mai 1928 kam die NSDAP auf 14 Stimmen, bei der Wahl zum Provinziallandtag Brandenburg am 17. November 1929 auf 63 Stimmen. Um in Lautawerk Fuß zu fassen, holten sich die Parteiaktivisten, wie Schuster schreibt, die “Unterstützung des NSDAP-Gauleiters Emil Stürtz”. An die Wahlversammlung im Oktober 1929 erinnert sich Schuster wie folgt:

Die Marxisten aller Schattierungen versprachen sich von dieser Versammlung einen Heidenspaß, doch wirkte die aus Großenhain zum Saalschutz beorderte SA, die erst verspätet eintraf, außerordentlich beruhigend auf heiße Gemüter. […] Vier Diskussionsredner wurden von dem Pg. Stürtz in seinem Schlußwort glänzend abgefertigt und am Schluß der Versammlung erklang das Horst-Wessel-Lied, damals noch dünn und von wenig Menschen Menschen gesunden. Es werden in Lautawerk nicht mehr als drei Menschen gewesen sein, die außer der SA und dem Redner das Lied kannten.2Ebenda, S. 196.

Es kann sein, dass hier etwas durcheinandergebracht wurde. Denn Gauleiter des Gau Mark Brandenburg der NSDAP war zu diesem Zeitpunkt Emil Holtz. Der ehemalige Oberlehrer Holtz soll aber kein begnadeter Redner gewesen sein, weshalb man sich wohl den Westfalen Stürtz nach Lautawerk holte.

Im Verlauf des Wahlkampfes 1929 will Schuster in die NSDAP eingetreten sein und einen Stützpunkt der NSDAP in Lautawerk gegründet haben. Dieser gehörte zur NSDAP-Ortsgruppe Senftenberg.

Sieben Parteigenossen waren es bis zum März 1930, die dem Stützpunkt angehörten, nämlich die Pgn. E. Rüter, Pggn. Neumann, Grumt, Hildebrand, Peschke, Schuster und Pgn. Christa Rüter. …
Die propagandistische Arbeit erstreckte sich auf eine intensive Flugblatt- und Zeitungsverteilung in den Betrieben. Nach außenhin taten nämlich die Marxisten außerordentlich unnahbar. Wir hatten aber sehr bald herausbekommen, daß sie nationalsozialistische Druckschriften und Zeitungen mit wahrem Heißhunger verschlangen, wenn sie sich unbeobachtet fühlten. … Daneben wurden eifrig Flugschriften in den Siedlungen verteilt und mündliche Propaganda getrieben. So brachte uns die Reichstagswahl am 14. September 1930 in Lautawerk bereits 222 Stimmen… . Anfang September 1930 trat der Pg. Dr. Heintz in unsere Reihen. Ihm folgten nach der Reichstagswahl die Pgg. Böhnisch, Dr. Droßbach, Eckert, Kuno, Meier, Noll, Perschke jun. und Skotarek. Der Pg. Peschke ist inzwischen zum Gebietsführer der HJ aufgerückt. 3Ebenda, S. 196 f.

Am 18. Oktober 1930 erfolgte die Gründung einer eigenen Ortsgruppe der NSDAP in Lautawerk. Ortsgruppenleiter wurde der Monteur Martin Grumbt. Ebenfalls 1930 soll die Hitler-Jugend durch den Sohn des Fleischers Fritz Peschke gegründet worden sein.
Mit dem Erstarken der NSDAP in ganz Deutschland, entwickelte auch die NSDAP-Ortsgruppe Lautawerk im Jahr 1931 größere Aktivitäten, konnte sich hinsichtlich der Zahl der Mitglieder aber nicht weiter entwickeln, wie Schuster schreibt.

Der 31. Mai 1931 sah den Führer Adolf Hitler zum ersten Male im damaligen Gau Ostmark. An dem Gautag in Frankfurt/O. nahmen teil die Pgg. Dr. Heintz, Peschke, Schuster und die Pgn. Christa Rüter.
Trotz intensiver Propaganda stagnierte die Ortsgruppe im Jahre 1931 fast gänzlich. …
Am 21.10.1931 sprach im Gasthaus “Nord” Pg. Naumann, Görlitz. Ihm folgte am Nachmittag des 15. November 1931 im Gasthaus “Kolle” ,Lautadorf, der Pg. Dr. Kieschke, Drebkau4Es könnte sich um den Ehemann von Dr. Annaliese Kieschke aus Drebkau gehandelt haben oder um sie selbst. Sie war in der Gauleitung zuständig für Frauenfragen., und dann kam der Tag, der zur Bewährungsprobe der Ortsgruppe werden sollte, der 26. November 1931, an dem Pg. Hinkler, Halle, im Gasthaus Süd sprechen sollte. … Hunderte von Menschen umsäumten das Lokal, als die SA-Männer einzeln oder in kleinen Gruppen anrückten. Jeder einzelne SA-Mann wurde sofort vom Rade gerissen. An allen Ecken und Enden entstanden Schlägereien. Schließlich erschien ein Auto der “Märkischen Volksstimme” Cottbus und verteilte Sonderausgaben, in denen die “Boxheimer Dokumente” in völlig entstellter und blutrünstiger Form wiedergegeben waren. Sie sollten die Stimmung zur Siedehitze bringen. Der Versuch des Versammlungsleiters, Pg. Schuster, die Versammlung zu eröffnen , mißlang völlig. Der Redner, Pg. Hinkler, mußte zugeben, daß hier eine ganz besonders fanatische und rohe Gegnerschaft sitzt. Die Versammlung wurde dann polizeilich geschlossen und die Nazis nach 12 Uhr unter polizeilichem Schutz nach Siedlung Nord gebracht. 5Ebenda, S. 197 f.

Der hier beschriebene Vorgang rund um die “Boxheimer Dokumente” erinnert fatal an den Ablauf der Ereignisse im heutigen Deutschland nach dem 10. Januar 2024. An die “Geheimkonferenz in Neu Fahrland” am 25. November 2023.

Die Ortsgruppe hatte sich aber … damit das Recht auf Versammlungsfreiheit und das Recht auf die Straße erkämpft. Die Arbeiter im Lautawerk begannen hellhörig zu werden, denn auch sie sahen, daß es bei den Marxisten anscheinend mit dem Geist nicht mehr zu schaffen war, sondern daß dort nur noch brachiale Gewalt ein morsches System stützte. Viele Arbeiter gingen nachdenklich nach Hause. Die Gegner hatten dies auch bemerkt und so setzte später eine andere Form des Terrors ein, nachdem am 1. Januar 1932 der Pg. Dr. Droßbach die Leitung der Ortsgruppe übernommen hatte. Man boykottierte die Versammlungen und versagte den polizeilichen Schutz, was gleichbedeutend mit der Versagung der  Versammlungsgenehmigung war. Unter allen diesen Vorzeichen standen die Versammlungen am 9.3.32 mit Pg. Redlich in Siedlung Süd, am 6.4.32 in Siedlung Nord mit dem Pg. Engel, Berlin und alle anderen Versammlungen des Jahres 1932. 6Ebenda, S. 198

Mitte 1932 entstand in Lautawerk eine Ortsgruppe der NS-Frauenschaft. Die Leitung hatte Christa Rüter. Die Büros der NS-Frauenschaft und anderer mit dem Nationalsozialismus verbundener Gruppierungen befanden sich im “Haus der SA” (nach 1945: Thälmann-Haus). Nach 1933 Straße der SA 36. Die Reichstagswahl am 6. November 1932 beendete die NSDAP zwar als stärkste Kraft. Ihr Aufschwung war aber erst einmal gestoppt und die von ihren Mitgliedern erhoffte nahe Übernahme der Regierung nicht mehr in Sichtweite.

Schuster in seinem Erinnerungsbericht über diese Zeit:

Am 31. Mai 1932 wurde auch in Lautawerk mit dem Abgang Brünings eine Erleichterung spürbar. Der November 1932 brachte dann noch einmal einen Rückschlag, mit dem sich auch in der Ortsgruppe Lautawerk die Spreu vom Weizen trennte. Machtvoll brach dann der 30.1.33 herein. 7Ebenda, S. 199

Lautawerk im Jahr 1933

Vorbemerkung:
Überall in Deutschland gibt es seit einigen Wochen Demonstrationen “gegen Rechts“. Unterschiedlichste Spruchbänder oder Plakate sind auf ihnen zu sehen, darunter auch “Nie wieder“. Gemeint ist damit: Nie wieder eine solche Entwicklung in Deutschland, die 1933 begann und 1945 mit der Niederlage des Deutschen Reiches in dem 1939 vom Zaun gebrochenen 2. Weltkrieg endete.
Aus der Rückschau von heute auf 1945 betrachtet, ist das richtig. Aber 1933 hatten die Menschen in ganz Deutschland nicht die Fähigkeit, zu sehen, wie es in Deutschland im Jahr 1945 aussehen würde. Sonst hätten sie sich vermutlich anders entschieden.
Auch wir heute Lebenden sind kaum in der Lage, konkret voraussagen zu können, wie es in der nahen und fernen Zukunft in Deutschland, in Europa oder in der Welt aussehen wird. Wir können auf Ereignisse aus der Geschichte zurückgreifen, um Voraussagen zu treffen. Aber hilfreich bzw. aussagekräftig ist das nur bedingt. Vor allem ist es dann nicht hilfreich, wenn Allgemeinplätze verwendet werden und auf die Analyse der jeweiligen konkreten Situation verzichtet wird.

Der Wahlsieg der NSDAP führte zu einem Umbau der Gesellschaft. Die Parteien und Organisationen der Weimarer Republik wurden aufgelöst oder, wie viele Vereine, gleichgeschaltet. Die kommunalen Verwaltungen wurden von NSDAP-Mitgliedern oder von den Nationalsozialisten nahe stehenden Personen übernommen. Eine wichtige Rolle beim Umbau in Lautawerk spielte die Vereinigte Aluminium-Werke AG (VAW). Wer in Lautawerk bleiben und sein Einkommen behalten wollte, musste sich fügen und einordnen.

Aber wie lief der Umbau der Gesellschaft in Lautawerk ( Nord und Süd), Lauta-Dorf, Torno, Leippe und Laubusch konkret ab? Wir wissen es nicht! Es ist nie aufgearbeitet worden. Also: Können wir nur spekulieren und versuchen, die wenigen Fakten an der richtigen Stelle einzuordnen.

Arbeiter in Lautawerk, 1933.

 

Mit dem Gesetz zur Behebung der Not von Volk und ReichRGBl. I S. 141 vom 24. März 1933 (kurz: Ermächtigungsgesetz) übertrug der Deutsche Reichstag die gesetzgebende Gewalt de facto vollständig auf die neue Reichsregierung unter Adolf Hitler und hob damit die für eine demokratische Staatsordnung konstituierende Gewaltenteilung auf. Dieses Ermächtigungsgesetz, beschlossen am 23. März und tags darauf verkündet, bildete zusammen mit der Verordnung des Reichspräsidenten vom 4. Februar und der Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 die Grundlage für die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur.

Am 7. April 1933 wurde das “Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” in Kraft gesetzt. Das bot die Grundlage, um den bisherigen Gemeindevorsteher von Lautawerk, Arthur Gründlich (SPD), zu entlassen und ihn durch Dr. Paul Ferdinand Drossbach (NSDAP) zu ersetzen.

Arthur Gründlich wurde am 31.Mai 1888 in Biehla bei Elsterwerda geboren. Er studierte Rechtswissenschaften in Lausanne, Genf, München und Halle/Saale. Krieg und Wehrdienst von 1914 bis 1918 unterbrachen seine berufliche Entwicklung. Als 1919 die Stelle des Bürgermeisters von Sangerhausen ausgeschrieben wurde, bewarb sich Gründlich dafür. und wurde für eine Amtsdauer von zwölf Jahren gewählt.
1924 hatten sich die Mehrheitsverhältnisse in der Stadtverordnetenversammlung von Sangerhausen verändert. Die rechten Parteien drängten auf die Abberufung des Bürgermeisters. Nach vielem Hin und Her schied er am 1. Mai 1924 aus dem Amt aus.  Anfang 1925 wurde der Sozialdemokrat Gründlich zum hauptberuflichen Gemeindevorsteher von Lauta-Lautawerk gewählt. Er engagierte sich auch ehrenamtlich, so im Kreisvorstand Calau des Landegemeindeverbandes, als Schöffe bei der Strafkammer in Cottbus und als Mitglied im Gemeindekirchenrat der evangelischen Kirchengemeinde Lautawerk. Seine Frau, Irma Gründlich, engagierte sich für die Arbeiterwohlfahrt (AWO), baute die lokalen AWO-Strukturen in Lautawerk auf und übernahm deren Leitung. Das Adressverzeichnis von 1929 führt ihn als Bürgermeister a. D. ( was sich vermutlich auf seine Tätigkeit in Sangerhausen bezieht) und Gemeindevorsteher. Er wohnte in der Weststraße 8. Im März 1933 wurde Gründlich als Amtsvorsteher und kurz darauf als Gemeindevorsteher beurlaubt. Damit endeten auch seine ehrenamtlichen Tätigkeiten sowie die seiner Frau. Auf Grundlage der Verfügung zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 wurde Gründlich offiziell als Amts- und Gemeindevorsteher der Gemeinde Lautawerk ohne Versorgungsbezüge entlassen. Sein noch aus Sangerhausen herrührendes Ruhegeld wurde gestrichen und ihm die Dienstwohnung in der Weststraße gekündigt.
Im März 1934 verließen Gründlichs Lautawerk und zogen nach Berlin-Pankow. Ab 1935 führt ihn das Adressbuch von Berlin als “Bürgermeister a.D.” und wohnhaft in Berlin-Pankow, Prenzlauer Promenade 185. Um die Arbeitslosigkeit zu mildern, arbeitete Arthur Gründlich als Versicherungsvertreter, und kam auch so über den Krieg. 1960 ist Arthur Gründlich in Berlin-Prenzlauer Berg verstorben. 8Vgl. Wagner, Hans: Bürgermeister von Sangerhausen von 1831 – 2010, Sangerhausen 2015, S. 124 bis 131.
In der Amtszeit von Arthur Gründlich in Lautawerk wurde u.a. das Schwimmbad gebaut, entstand der Konsum-Hof in Süd und bekamen die Lautawerker verschiedene Kinder- und Jugendeinrichtungen.

Paul Ferdinand Drossbach, geb. 22. August 19009Mitunter wird auch der 12. August 1900 als Geburtsdatum angegeben. in Freiberg (Sachsen). Seine Schulzeit verbrachte er in Bautzen in Sachsen. Nach Erlangen der Volljährigkeit wurde Drossbach für einige Monate zum Heeresdienst eingezogen. Im Dezember 1918 zurückgekehrt, arbeitete er für kurze Zeit in Zwickau im Bergbau. Durch diese Tätigkeit beeinflusst, begann er ein Studium der Metallhüttenkunde an der Bergakademie in Freiberg auf. 1926, ein Jahr nach seinem Abschluss, promovierte er an der Technischen Hochschule in Dresden. Es folgte eine Labortätigkeit im Vereinigten Aluminium Werk Lautawerk (VAW). Nebenbei arbeitete er an einer Aufbereitungsanlage, die der Herstellung von Tonerde aus einheimischem Ton diente. Aufgrund des dadurch gesammelten Wissens, holte man ihn 1930 nach Porto Marghera (Venedig). Dort setzte er eine Aufbereitungsanlage für die Produktion von Tonerde in Betrieb. Nach beendeter Arbeit nahm Drossbach wieder seine Tätigkeit im Lautawerk auf. Möglicherweise beeinflusst durch die Erlebnisse in Italien unter Mussolini wurde er Mitglied der NSDAP.  Das Bekanntwerden der Mitgliedschaft führte zu seiner Entlassung durch die VAW. Drossbach konzentrierte sich von da an auf seine politischen Aktivitäten. 1933 wurde er zum kommissarischen Bürgermeister Lautawerks ernannt. Drossbach bevorzugte aber eine Anstellung an der Technischen Hochschule in Stuttgart. Dort beschäftigte er sich vor allem mit der Gewinnung von Aluminium. 1936 kehrte er an die Dresdner Technische Hochschule zurück, wo er sich mit der Schmelzflusselektrolyse beschäftigte. Seine Habilitationsschrift thematisierte die Elektrolyse geschmolzener Salze. Bis zu seinem Tod war er weiterhin wissenschaftlich tätig, vor allem in München.
Am 7. Juni 1974 ist Paul Ferdinand Drossbach in München verstorben.10Kaiser, Michael: Die Geschichte der Lehrkanzel für Technische Elektrochemie an der Technischen Hochschule Wien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Diplomarbeit), Wien 2011, S. 23.

Kurt Nerlich (NSDAP) wurde der Nachfolger von Drossbach und blieb dies bis 1945.

Kurt Nerlich war von Beruf Kaufmann und wohnte 1929 in der Weber-Urban-Allee 24. Von 1946 bis 1951 in der Weststraße 4.

Wie sich die Maßnahmen auf die Mitarbeiterschaft der Gemeindeverwaltung ausgewirkt hatten, ist nicht bekannt. Wer nachweislich Mitglied der SPD war oder Sympathisant der Partei, wurde entlassen. Bleiben konnten Mitglieder und Sympathisanten der NSDAP oder rechtskonservativer Parteien bzw. Gruppierungen.

Das Lautawerk der VAW war das wichtigste Unternehmen im Ort. Die Gemeindeverwaltung musste mit ihm zusammenarbeiten, um die Entwicklung der Industriearbeitergemeinde weiter zu betreiben bzw. das bereits Geschaffene zu sichern. Drossbach hatte die Aufgabe, den Einfluss der NSDAP auf das Werk zu sichern und dafür Sorge zu tragen, das Partei- und Werksführung sowie Gemeindeverwaltung miteinander harmonierten.

Bereits am  14. März 1933 hatte er dafür den ersten Schritt getan. An diesem Tag gingen in der Reichskanzlei in Berlin zwei Telegramme ein. Das erste kam von dem Mitglied der NSDAP-Fraktion des Preußischen Landtages, Richard Preiß.

wir erbitten sofortige abberufung des aufsichtsratsvorsitzenden von oberhuetten von der porten levy [sic] und hiesiger generaldirektion. schutz fuer nationalsozialistische arbeiter und angestellte. einsetzung eines nationalsozialistischen reichskommissars zur saeuberung der reichseigenen staatlichen u. subventionierten betriebe. grosse erregung wegen rigoroser abbaumassnahmen.
preiss landtagsabgeordneter11Ebenda, S. 207.

Das zweite kam aus Lautawerk vom damaligen Leiter der NSDAP-Ortsgruppe und späteren Gemeindevorsteher, Paul Ferdinand Drossbach.

nationalsozialisten in groesster empoerung über juedischen Generaldirektor reichsaluminiumwerke von der porten frueher moritz levi sofortige abberufung und einsetzung reichskommissars zur saeuberung reichswerke notwendig.
ortsgruppe lautawerk drossbach 12Ebenda, S. 207.

Gleichlautende Telegramme hatte auch das Reichswirtschaftsministerium erhalten. Dieses unterrichtete die Staatskanzlei, dass in Oberschlesien von 9.000 Stellen lediglich 200 abgebaut würden. Unter dem 17. März 1933 wurde in der Reichskanzlei in einem Aktenvermerk festgehalten, dass “die Angelegenheit … durch Abberufung des Aufsichtsratsvorsitzenden, Generaldirektor v. d. Porten erledigt worden “sei.13Ebenda, S. 207.

Der gesteuerte nationalsozialistische Volkszorn hatte in Lautawerk mit Max von der Porten sein erstes prominentes Opfer gefordert, zumal ein jüdisches. Dass die “Nationalsozialisten (von Lautawerk) in groesster Empörung” über den Aufsichtsratsvorsitzenden gewesen sein, muss angezweifelt werden. Es ist davon auszugehen, dass die Einwohner Lautawerks nicht von seiner jüdischen Familiengeschichte wussten. Sie werden ihn nur als Namensgeber für eine Straße in Lautawerk gekannt haben: die damalige von-der Porten-Straße und heutige Nordstraße.

1933 mussten weitere drei Vorstandsmitglieder aus verschiedenen Gründen gehen. Der VAW-Vorstand verlegte seinen Sitz nach Berlin. In Lautawerk verblieb eine Restverwaltung, die der ehemalige Direktionsassistent Otto Jöckel leitete.

Ab März 1933 fanden in Deutschland Betriebsratswahlen statt. Die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) erhielt dabei nur ein Viertel der Stimmen. Eine große Mehrheit der Arbeiter hatte für die Listen der freien Gewerkschaften gestimmt. Um ihre Niederlage nicht zu offensichtlich werden zu lassen, erklärten die Nationalsozialisten am  4. April 1933 die Betriebsratswahlen per Gesetz für beendet. Dennoch unterwarf sich ihnen der Allgemeiner Deutscher Gewerkschafts Bund (ADGB). Am 9. April 1933 erklärte er, die in „jahrzehntelanger Arbeit geschaffenen Selbstverwaltungsorganisationen der Arbeiterschaft in den Dienst des neuen Staates zu stellen.“ Das kam der NSDAP entgegen. Zunächst eignete sie sich den 1. Mai als “Tag der Arbeit”. Am 2. Mai 1933 besetzte sie die Gewerkschaftshäuser und deren Büros innerhalb und außerhalb der Betriebe. Jegliche gewerkschaftliche Betätigung wurde verfolgt.

Propagandaminister Joseph Goebbels notierte in sein Tagebuch: „Gewerkschaften wie verabredet planmäßig besetzt. Kein Zwischenfall. Bonzen verhaftet. Das geht wie am Schnürchen.14https://www.boeckler.de/de/magazin-mitbestimmung-2744-der-dunkelste-tag-5299.htm

Die NSBO übernahm die vollständige Kontrolle in den Betrieben. An die vormaligen Angestellten des ADGB erging die Aufforderung, unter NSBO-Kommissaren loyal weiterzuarbeiten. Am 10. Mai 1933 wurde die Deutsche Arbeitsfront (DAF) gegründet. Die Mitgliedschaft in der DAF war “freiwillig, aber erwünscht“. Das Streikrecht war abgeschafft.

„Das Ziel der Deutschen Arbeitsfront ist die Bildung einer wirklichen Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen. Sie hat dafür zu sorgen, dass jeder einzelne seinen Platz im wirtschaftlichen Leben der Nation in der geistigen und körperlichen Verfassung einnehmen kann, die ihn zur höchsten Leistung befähigt und damit den größten Nutzen für die Volksgemeinschaft gewährleistet“ – Hitler, Verordnung über Wesen und Ziel der DAF, 1934, § 2

Denkmal der Deutschen Arbeitsfront (DAF) im Lautawerk. Der genaue Standort ist unbekannt. Links oben könnte ein Kühlturm zu sehen sein.

Zu Beginn jedes Lehrjahres gab es immer eine Feier, um den Lehrlingen bewusst zu machen, was von ihnen erwartet wurde. Der Zeitungsbeitrag unten vom 2./3. April 1942 beschreibt eine solche Veranstaltung im Lehrlingswohnheim der VAW, dem späteren Lehrlingswohnheim des Kraftwerks Lauta.

Quelle: Archiv Tino Rothe

“Betriebsleiter Ingenieur Peltz” war Georg Peltz, nach eigenen Angaben, seit 1. April 1933 Mitglied der NSDAP und bereits schon vor 1933 Mitglied des Aufsichtsrates der “Heimstätten eGmbH Lautawerk”. Peltz wohnte 1929 im Haus Schmuckhof 18. Im Jahr 1937 Kurmarkallee 55. Wo er auch 1941 erfasst ist.
Bei dem “Betriebsobmann John” kann es sich um den Arbeiter Joseph John handeln. 1929 wohnte er in der Bolzanistraße 1, 1937 in der Dionstraße 15 und 1941 Hermann-Göring-Str. 15.
Der namentlich nicht genannte “Betriebsführer” war der Oberingenieur Wilhelm Todt, Vorstandsmitglied der VAW-AG und Betriebsführer des Lautawerks von 1937 (?) bis 1945. 1937 wohnte er Pistorstraße 40 bzw. 1941 Richthofenstraße 40 (Nordstraße).
Der “Betriebsjugendwalter” ist namentlich noch nicht bekannt.

Die Organisation der DAF in den Betrieben sollte möglichst nach einem bestimmten Schema geschehen.[5] Folgende Organisationsstruktur sah die DAF als ideal an: An der Spitze der Betriebsobmann. Diesem sollten ein Betriebsjugendwalter und eine Betriebsjugendwalterin für die Auszubildenden, eine Frauenwalterin, ein Sportwart, ein Arbeitsschutzwalter, ein Berufswalter, ein Gesundheitswalter und ein KdF-Wart zur Seite stehen. Die Belegschaft wurde in Betriebsblöcke und Betriebszellen unterteilt. 15 bis 20 Betriebsmitglieder bildeten einen Betriebsblock, während eine Betriebszelle aus vier bis acht Betriebsblöcken bestand.

Die Rahmenbedingungen für die Tätigkeit der Unternehmen hatten sich damit zum Positiven für die Unternehmer verändert. Das bedeutete aber nicht, dass die Arbeiter vollständig auf alles verzichten mussten, was es bereits vor 1933 gab.
Kulturelle und sportliche Aktivtäten wurden weiterhin gefördert. Soziale Einrichtungen, wie Betriebsküche, -verkaufsstelle oder -ambulatorium, bestanden weiter. Kinderbetreuung fand weiterhin statt.

Lautawerks Jugend im Dritten Reich

Für die Kinder und Jugendlichen in Lautawerk und Lauta-Dorf waren die Veränderungen nach dem 30. Januar 1933 vermutlich einschneidender und prägender als für ihre Eltern. Doch auch darüber haben wir leider keine konkreten Informationen.

In dem sehr stark von der Sozialdemokratie geprägten Lautawerk werden die organisierten Kinder und Jugendlichen einer ihrer Organisationen angehört haben. Das waren zunächst Gliederungen der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde (RAG). Gegen Ende der 1920er Jahre die “Roten Falken“. Sie gliederten sich nach Alter, für die jüngeren Kinder die “Jungfalken” und für die älteren die “Roten Falken”, und entsprechend der territorialen Organisationsstruktur der SPD. Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren aus kommunistischen Elternhäusern gehörten dem Jung-Spartakus-Bund an, ab 1930 Rote Jungpioniere. Kommunistische Jugendliche dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJV). Jugendliche, die weder mit der SPD noch mit der KPD etwas im Sinn hatten, gehörten der “Bündischen Jugend” an. Seit 1926 gab es in Lautawerk auch eine Gruppe der Hitlerjugend (HJ).

Sozialdemokratische und kommunistische Kinder- und Jugendorganisationen wurden bis Mitte 1933 aufgelöst oder in die HJ eingegliedert. Kinder und Jugendliche mussten sich einer der von der NSDAP geschaffenen Organisationen anschließen. Das waren die Hitlerjugend (HJ) und der Bund Deutscher Mädel (BDM). Die Mitgliedschaft war zumindest bis 1939 freiwillig. Mit dem Gesetz über die Hitler-Jugend vom 1. Dezember 1936 war sie aber zur alleinigen Autorität in allen Kinder und Jugendliche betreffenden Fragen gemacht worden.

Die Hitlerjugend bestand aus aus dem Jungvolk (JV, 10-14 Jahre, 1931 gegründet), der Hitlerjugend (HJ, 14-18 Jahre, am 4. Juli 1926 gegründet und bis 1932 der Sturmabteilung [SA] unterstellt), den Jungmädeln (JM, 10-14 Jahre) und dem Bund Deutscher Mädel (BDM, 14-18 Jahre, 1930 gegründet) sowie diversen Sondereinheiten (z. B. Motor-, Marine-, Flieger-HJ). 1938 kam noch das BDM-Werk “Glaube und Schönheit” für 17- bis 21-jährige Frauen hinzu.

Territorial gliederte sich die HJ in Gebiete bzw. der BDM in Obergaue. Diese waren hierarchisch abgestuft in Banne, Stämme, Gefolgschaften, Scharen und Kameradschaften, analog beim BDM untergliedert in Obergau, Untergau, Mädelring, -gruppe, -schar und -schaft. 15https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Hitlerjugend_(HJ),_1926-1945#Organisation

Quelle

Die Jugendlichen der HJ und des BDM aus Lautawerk wurden als Gebiet Mark Brandenburg dem NSDAP-Gau Berlin-Brandenburg zugeordnet.

Jeden Mittwoch trafen sich die die unteren HJ-Einheiten zum Heimabend (bei den Jüngeren zum Heimnachmittag). Wo ein HJ-Heim vorhanden war, fanden die Treffen dort statt. … Hier wurden neue Lieder gelernt, es wurden Fahrten und Veranstaltungen organisiert, vorgelesen, gebastelt und gewerkt, die theoretischen Grundlagen für den „Geländedienst” erarbeitet und die neuen Themen der weltanschaulichen Schulung durchgenommen.
Als Ziel des Heimabends galt im BDM die „Erziehung der Mädel zum Nationalsozialismus, d.h. zur Deutschheit, zur Volksgemeinschaft, zu Wahrerinnen deutschen Blutes, deutscher Kultur, deutscher Art und Sitte, zu körperlicher und seelischer Gesundheit und Gradheit.”[1] Im Jungvolk ging es vor allem darum, den Jungen „lebende Männer, Helden und heldische Taten” vor Augen zu führen, an denen sie sich „begeistern und entzünden” konnten, um sie so zu „Treue und Disziplin” zu erziehen.[2] Darauf aufbauend sollte in der HJ „ein klares Bild [ihres] Volkes und der politischen und weltanschaulichen Ziele des Nationalsozialismus” vermittelt werden.16https://www.jugend1918-1945.de/portal/Jugend/thema.aspx?bereich=projekt&root=26635&id=5396&redir=

In Lautawerk trafen sich die Jungen und Mädchen entweder in der Nord-Schule oder im Frauenschaftsheim an der Bauermühle (nach 1949: Station Junger Techniker und Naturforscher).

Im März gab es jedes Jahr den “Tag der Verpflichtung der Jugend“. Dabei handelte es sich um die feierliche Aufnahme in eine der Jugendorganisationen der NSDAP. Einen Eindruck über den Ablauf eines solchen Tages in Lautawerk vermittelt der Zeitungsbeitrag vom 24. März 1942.

Quelle: Archiv Tino Rothe.

Der im Lautawerk tätige Chemiker Dr. Konrad Steinhäuser war 1942 Ortsgruppenleiter der NSDAP. Er wohnte in der Richthofenstr. 25 (Nordstraße).

Ein weiterer der Jugend gewidmeter Tag war der “Staatsjugendtag“. Er wurde mit einer Verfügung des Reichsjugendführers Baldur von Schirach vom 7. Juni 1934 eingeführt und bestand bis zum 1. Dezember 1936. Schüler, die der Hitlerjugend angehörten, waren danach an Samstagen vom Schulunterricht befreit bzw. für Veranstaltungen der HJ freigestellt, während Schüler, die nicht der HJ angehörten, dort zur „nationalpolitischen und weltanschaulichen Schulung“ zu erscheinen hatten. Mit der gesetzlichen Verpflichtung der gesamten Jugend zum Dienst in der HJ ab Dezember 1936 wurde der Staatsjugendtag abgeschafft.

Hofpause Schule Nord im Jahr 1942.
Klassenfahrt in den Spreewald 1939

Kultur und Vereinsleben

Vereine, die dienlich waren für den nationalsozialistischen Volksgemeinschaftsgedanken, konnten weiterarbeiten.
Besondere Höhepunkte im Leben der Arbeiterschaft und der Bevölkerung waren mit der Massenorganisation “Kraft durch Freude” (KdF) durchgeführte Aktivitäten.

Mittelstraße, um 1938

Betriebsausflug der Lautawerker in die Sächsische Schweiz, um 1935.

Wie auf der Festveranstaltung im Jahr 1938 in der Kaffee-Zusatzfabrik “Frank Söhne GmbH”, Halle/Saale, könnte es auch im Lautawerk zugegangen sein.

Um die Rundfunkpropaganda flächendeckend einsetzen zu können, bauen die Nazis die Sende- und Empfangsmöglichkeiten aus. 1933 wird der preiswerte “Volksempfänger” auf den Markt gebracht, der hinter vorgehaltener Hand als “Goebbelsschnauze” bezeichnet wird. Nach Meinung von Reichssendeleiter Hadamovsky darf es “nicht einen Volksgenossen geben, der kein Rundfunkgerät besitzt”. Als weiteres Mittel der Beeinflussung wird der “Gemeinschaftsempfang” im Betrieb und in Ämtern angeordnet.17https://www1.wdr.de/archiv/rundfunkgeschichte/rundfunkgeschichte124.html

Der Werksfunk spielte auch im Lautawerk eine sehr große Rolle. Darüber hinaus wurden an wichtigen Knotenpunkten im Gemeindegebiet Lautsprecher angebracht, über die die wichtigsten Informationen verbreitet wurden und an denen sich die Einwohner, die über keinen “Volksempfänger” verfügten, sich einzufinden.

Die wichtigsten Zeitungen, wie “Völkischer Beobachter” und “Der Stürmer“, waren zu abonnieren oder wurden in Schaukästen ausgehangen.

Antisemitismus in Lautawerk

Der per Telegramm ausgeführte und antisemitisch geprägte Angriff des NSDAP-Ortsgruppenleiters und späteren Gemeindevorstehers Paul Drossbach gegen den VAW-Aufsichtsratsvorsitzenden Max von der Porten am 14. März 1933 ist das erste Beispiel für Antisemitismus in und im Lautawerk.

In der Ausgabe 23/1936 veröffentlichte “Der Stürmer” auf Seite 10 ein mit “W.” unterschriebenen Leserbrief der NSDAP-Ortsgruppe “Grube Erika”. Der Verfasser denunziert darin öffentlich Einwohner von Lautawerk, weil sie Wein von einem Unternehmen gekauft hätten. das einen jüdischen Eigentümer habe.

Es könnte sich um Kesselring Conrad & Co Weinbau u. Weinhandlung18https://www.archivportal-d.de/item/EBIWHZ4QGPW4ND6VJST476ZHBTORYGB4?query=Kesselring+Conrad+und+Co.%2C+Weinbau+und+Weinhandlung%2C+Kitzingen&offset=0&rows=20&viewType=list&hitNumber=1 (1902, 1951) aus Kitzingen in Unterfranken gehandelt haben. Aus den Archivunterlagen geht nicht hervor, dass es sich hier um ein jüdisches Unternehmen gehandelt habe. Es hat den Anschein, als ob sich ein “Geschäftsmann namens W.” an Konkurrenz rächen wollte. Und da machte es sich gut, diese als jüdisch zu denunzieren. Auch wenn es möglicherweise nicht der Wahrheit entsprach. Der Firma schien die Denunziation nicht geschadet zu haben, wie ein 1938 ausgestellter Wechsel19https://www.ebay.de/itm/166268639925 belegt.

Weitere Beispiele für Antisemitismus in Lautawerk sind nicht überliefert. Hierbei spielt wohl eine Rolle, dass es unter den Arbeitern im Lautawerk wohl Protestanten und Katholiken gab, aber keine Juden. Und selbst wenn, wären sie nicht aufgefallen. Es sei denn, übereifrige nationalsozialistische Verwaltungsbeamte wollten unbedingt Juden aufspüren und sich damit wichtig machen. In Senftenberg und Hoyerswerda gab es dagegen wirkliche Fälle von Judenverfolgung.

Was sich in Lautawerk baulich veränderte

Da es an Akten aus der Zeit nach 1933 fehlt, müssen wir uns vor allem auf Bilder beschränken, um zu erfahren, wie sich die Herrschaft der Nationalsozialisten in Lautawerk konkret zeigte. In der Rückschau auf die Zeit zwischen 1933 und 1945 werden den Nationalsozialisten bauliche, technische und soziale Leistungen zugesprochen. Der Mythos “Autobahnbau” steht dabei an erster Stelle.

Ausgeblendet wird jedoch, dass vieles davon bereits in den Jahren vor 1933 theoretisch und planerisch vorbereitet war. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929, Beschränkungen durch den Versailler Vertrag und die für eine demokratische Gesellschaft geltenden gesetzlichen Rahmenbedingungen erschwerten bzw. verhinderten die Umsetzung der Planungen.

In Lautawerk ist es diesbezüglich einfacher zwischen dem zu trennen, was für die Entwicklung der Industriearbeitergemeinde vor 1933 getan wurde und was danach.

In den 1930er Jahren entwickelten sich in Richtung Bahnhof die heutige Mittelstraße und die heutige Karl-Liebknecht-Straße, mit Geschäften, Sozialeinrichtungen und Wohnungen. Die Wohnhäuser an der Senftenberger Straße westlich der Berliner Straße entstanden in Lauta-Nord, die Bebauung des nördlichen  Abschnitts der Berliner Straße erfolgte sowie 1939 die Errichtung der sogenannten Arbeitsfrontsiedlung “Neue Heimat” zwischen Senftenberger Straße, Mittelstraße und Passauer Straße. Der Sportplatz entstand und das spätere Thälmann-Haus.

In Lauta-Süd konzentrierte sich die Entwicklung auf den Ausbau der Siedlung zwischen der heutigen Friedrich-Engels-Straße und der Bahnlinie sowie auf den Bau der Siedlung südlich der Bahnlinie in Richtung Torno. Die “Musikersiedlung” entstand unter anderem 1940. Ursprünglich für 5.000 Einwohner geplant. Kriegsbedingt aber nur teilweise realisiert.

Mit Werksförderverträgen bauten die öffentlichen Wohnungs- und Siedlungsgesellschaften “Brandenburgische Heimstätten”, “Kurmärkische Kleinsiedlung” und “Gemeinnütziges Siedlungs- und Wohnungsbauunternehmen” ab 1934 die Siedlung südlich der Bahnlinie Richtung Torno. Im Dorf wurde 1935 die neue Schule eingeweiht. In der heutigen Karl-Liebknecht-Straße wurden 1938 fünf Häuser als Altersheime errichtet. Im gleichen Jahr war die Eröffnung der “Regina-Lichtspiele”. 1942 wurde in Süd die Schule eröffnet. 1943 erhält Lautawerk einen eigenen Haltpunkt für Züge im normalen Reiseverkehr: Lautawerk/NL.

Mittelstraße nach 1938
Schule Süd, eröffnet 1942. Foto um 1957.

An der Ecke Mittelstraße/Friedrich-Engels-Straße zog 1940 in einen vorbildlich gestalteten Komplex der Kindergarten West ein. Auch das in unmittelbarer Nachbarschaft errichtete Sozialgebäude (heute: u. a. Caritas-Seniorenklub) dient seit seiner Übergabe sozialen Zwecken.

Kreuzung an der Kita West, um 1940.

Der Krieg. Lautawerk ab 1939

 

  • 1
    Belli, Peter Josef: Das Lautawerk der Vereinigte Aluminium-Werke AG (VAW) von 1917 bis 1948…, Berlin 2012, S. 195
  • 2
    Ebenda, S. 196.
  • 3
    Ebenda, S. 196 f.
  • 4
    Es könnte sich um den Ehemann von Dr. Annaliese Kieschke aus Drebkau gehandelt haben oder um sie selbst. Sie war in der Gauleitung zuständig für Frauenfragen.
  • 5
    Ebenda, S. 197 f.
  • 6
    Ebenda, S. 198
  • 7
    Ebenda, S. 199
  • 8
    Vgl. Wagner, Hans: Bürgermeister von Sangerhausen von 1831 – 2010, Sangerhausen 2015, S. 124 bis 131.
  • 9
    Mitunter wird auch der 12. August 1900 als Geburtsdatum angegeben.
  • 10
    Kaiser, Michael: Die Geschichte der Lehrkanzel für Technische Elektrochemie an der Technischen Hochschule Wien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Diplomarbeit), Wien 2011, S. 23.
  • 11
    Ebenda, S. 207.
  • 12
    Ebenda, S. 207.
  • 13
    Ebenda, S. 207.
  • 14
    https://www.boeckler.de/de/magazin-mitbestimmung-2744-der-dunkelste-tag-5299.htm
  • 15
    https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Hitlerjugend_(HJ),_1926-1945#Organisation
  • 16
    https://www.jugend1918-1945.de/portal/Jugend/thema.aspx?bereich=projekt&root=26635&id=5396&redir=
  • 17
    https://www1.wdr.de/archiv/rundfunkgeschichte/rundfunkgeschichte124.html
  • 18
    https://www.archivportal-d.de/item/EBIWHZ4QGPW4ND6VJST476ZHBTORYGB4?query=Kesselring+Conrad+und+Co.%2C+Weinbau+und+Weinhandlung%2C+Kitzingen&offset=0&rows=20&viewType=list&hitNumber=1
  • 19
    https://www.ebay.de/itm/166268639925

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